Erziehung - Klaus Jürgen Bönkost

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Erziehung

Grundbegriffe
Wilhelm Flitner skizzierte die historische Entwicklung der Pädagogik wie folgt:

 
"Das pädagogische Nachdenken ist wesenhaft mit dem ethischen, philosophischen und theologischen Denken über den Menschen überhaupt verbunden. Der Ort wissenschaftlicher pädagogischer Besinnung ist darum seit alters in der Philosophie und Moraltheologie gewesen. Die antike Philosophie und Rhetorik ist insgesamt zugleich Pädagogik, und die moraltheologischen Erörterungen der Kirchenväter sind eo ipso auch pädagogisch im weitesten Sinne dieses Wortes. So wenig wie die Ethik oder Anthropologie, oder die Philosophie der Geschichte, brauchten die pädagogischen Gedankengänge aus ihren übergreifenden Zusammenhängen losgelöst zu werden, solange die Philosophen und Theologen selbst noch Polyhistoren waren. Kant las als Universitätsphilosoph über Astronomie, Anthropologie, Politik und Pädagogik. Eine Generation später war das schon eine Ausnahme; immerhin konnten Herbart und Schleiermacher und noch Friedrich Paulsen und Eduard Spranger als Philosophen die Pädagogik ihrer Zeit beherrschen und darstellen. Aber seit dem 18. Jahrhundert begann man in zwei Gegenstandsfeldern nach einer spezialistischen Bearbeitung zu drängen. Die Aufklärungsbewegung suchte die Methoden des Unterrichts mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen ergiebiger, ökonomischer und leichter lehrbar zu machen. Seit Rousseau wußte man ferner, daß das Kind ein inneres Leben besitzt, das dem Erwachsenen nicht verständlich ist und erforscht werden sollte. Beide Absichten führen auf spezialwissenschaftliche Untersuchungen, die aber den Zusammenhang mit dem philosophischen Grundgedanken nicht verlieren dürfen. Das Industriezeitalter und die demokratischen Systeme stellten weitere Probleme der Berufserziehung, der Erwachsenenbildung, die ebenfalls Spezialkenntnisse voraussetzen. So kam es zur Verselbständigung pädagogischer Forschungen und zur Forderung einer besonderen Universitätsdisziplin."

Aus: Flitner, Wilhelm (1966): Das Selbstverständnis der Erziehungswissenschaft in der Gegenwart. 4., durchges. Aufl. Heidelberg: Quelle & Meyer (Pädagogische Forschungen Reihe Erziehungswissenschaftliche Studien, 1), S. 4/5.
Aktuell

Grundgesetz

Art 6 
(1) …
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
Immanuel Kant (1724-1804) - Prinzip der Erziehungskunst

"Ein Prinzip der Erziehungskunst, das besonders solche Männer, die Pläne zur Erziehung machen, vor Augen haben sollten, ist: Kinder sollen nicht nur dem gegenwärtigen, sondern dem zukünftig möglichen besseren Zustande des menschlichen Geschlechts, das ist: der Idee der Menschheit und deren ganzer Bestimmung angemessen erzogen werden. Dieses Prinzip ist von großer Wichtigkeit. Eltern erziehen gemeiniglich ihre Kinder nur so, daß sie in die gegenwärtige Welt, sei sie auch verderbt, passen. Sie sollten sie aber besser erziehen, damit ein zukünftiger besserer Zustand dadurch hervorgebracht werde.

Es finden sich hier aber zwei Hindernisse:

  • die Eltern nämlich sorgen gemeiniglich nur dafür, daß ihre Kinder gut in der Welt fortkommen, und
  • die Fürsten betrachten ihre Untertanen nur wie Instrumente zu ihren Absichten.

Eltern sorgen für das Haus, Fürsten für den Staat. Beide haben nicht, das Weltbeste und die Vollkommenheit, dazu die Menschheit bestimmt ist, und wozu sie auch die Anlage hat, zum Endzwecke. Die Anlage zu einem Erziehungsplane muß aber kosmopolitisch gemacht werden. Und ist dann das Weltbeste eine Idee, die uns in unserm Privatbesten kann schädlich werden? Niemals! denn wenn es gleich scheint, daß man bei ihr etwas aufopfern müsse: so befördert man doch nichtsdestoweniger durch sie immer auch das Beste seines gegenwärtigen Zustandes. Und dann, welche herrlichen Folgen begleiten sie! Gute Erziehung gerade ist das, woraus alles Gute in der Welt entspringt. Die Keime, die im Menschen liegen, müssen nur immer mehr entwickelt werden. Denn die Gründe zum Bösen findet man nicht in den Naturanlagen des Menschen. Das nur ist die Ursache des Bösen, daß die Natur nicht unter Regeln gebracht wird. Im Men-schen liegen nur Keime zum Guten.

Wo soll der bessere Zustand der Welt nun aber herkommen? Von den Fürsten oder von den Untertanen? daß diese nämlich sich erst selbst bessern und einer guten Regierung auf dem halben Wege entgegen kommen? Soll er von den Fürsten begründet werden: so muß erst die Erziehung der Prinzen besser werden, die geraume Zeit hindurch noch immer den großen Fehler hatte, daß man ihnen in der Jugend nicht widerstand."

Dieser Text entstammt der Vorlesung >Über Pädagogik< von Immanuel Kant (1724-1804). Die Niederschrift erschien erst 1803, sie konnte von Kant nicht mehr selbst redigiert werden. Die Konzeption der Vorlesung, die Kant im Rahmen seiner Lehrtätigkeit in Königsberg halten mußte, fällt noch in seine „vorkritische“ Periode.

Wie bei Lessing geht es auch in diesem Text nicht vornehmlich oder nicht nur um einzelne Erziehungsmaßnahmen für hier und heute, vielmehr steht auch für Kant die Erziehung der Kinder in einer Kette von Bemühungen, die Menschheit aus der Wildheit zur Kultur zu führen. Die „Idee der Menschheit“ ist oberstes Erziehungsziel. Kant polemisiert ausdrücklich gegen die Eltern, die ihre Kinder nur an die Welt gewöhnen, wie sie nun einmal ist, und sie nicht für eine bessere Zukunft des menschlichen Geschlechts bilden. Auch die Fürsten haben nicht das Weltbeste, sondern nur ihren Vorteil im Sinn. Der Richtpunkt für die Erziehung muß aber sein: „das Weltbeste und die Vollkommenheit, dazu die Menschheit bestimmt ist, und wozu sie auch die Anlage hat“. Kant bemüht sich aufzuweisen, daß sich die Erziehung zum Weltbesten auch positiv auf die Privatheit auswirkt. Bemerkenswert ist die — aufklärerische — hohe Wertschätzung der Erziehung: „Gute Erziehung gerade ist das, woraus alles Gute in der Welt entspringt.“ Dann folgen die erstaunlichen Sätze — erstaunlich deshalb, weil man aus anderen Schriften Kants andere Akzentsetzungen kennt —, die an Rousseau erinnern: „Die Keime, die im Menschen liegen, müssen nur immer mehr entwickelt werden. Denn die Gründe zum Bösen findet man nicht in den Naturanlagen des Menschen. Das nur ist die Ursache des Bösen, daß die Natur nicht unter Regeln gebracht wird. Im Menschen liegen nur Keime zum Guten.“ Dies bedeutet allerdings keine rousseauistische Pädagogik des bloßen Wachsenlassens, vielmehr wird die natürliche Entwicklung des Kindes, das Dispositionen zur Vervollkommnung in sich hat, vom Erzieher sozusagen fortgeschrieben und umgelenkt. Die Erziehung muß eine Disziplinierung der ursprünglichen Wildheit in Richtung der Versittlichung zum Inhalt haben. Eine Erziehung, die die Natürlichkeit propagiert, ist hier nicht Selbstzweck, sondern wird als Moment des langen Prozesses der Vernunftwerdung des Menschen gesehen. Das Ziel ist immer die Höherentwicklung der Menschheit. An späterer Stelle in Kants Vorlesung über Pädagogik heißt es: „Es ist entzückend, sich vorzustellen, daß die menschliche Natur immer besser durch Erziehung werde entwickelt werden, und daß man diese in eine Form bringen kann, die der Menschheit angemessen ist. Dies eröffnet uns den Prospekt zu einem künftigen glücklicheren Menschengeschlechte."

  • Fertig, Ludwig (1984): Zeitgeist und Erziehungskunst. Eine Einführung in die Kulturgeschichte der Erziehung in Deutschland von 1600 bis 1900. Darmstadt: Wiss. Buchges., S. 350/351.
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"Man muß dem Jünglinge zeigen, daß der Genuß nicht liefert, was der Prospekt versprach."

Immanuel Kant | Hier zitiert aus: Nicolovius, Friedrich (1803): Immanuel Kant | Über Pädagogik. Hg. v. Rink, D. Friedrich Theodor, S. 38. Online verfügbar unter http://www2.ibw.uni-heidelberg.de/~gerstner/V-Kant_Ueber_Paedagogik.pdf - zuletzt geprüft am 12.03.2014.

Ich glaube ...

John Dewey
(1859 - 1952) formulierte 1897 in einem Essay unter dem Titel "Mein Pädagogisches Glauben" seine Glaubensbekenntnisse zur Erziehung und Schule. 

Literatur
  • Original English in: John Dewey. The Early Works, 1882 - 1892; 5: 1895-1898. Early Essays. Carbondale and Edwardsville: Southern Illinois University Press 1972, 84 - 95; zuerst publiziert in: "School Journal" LIV (January 1897), 77 - 80. Übersetzung ins Deutsche: Helmut Schreier

Siehe die pdf-Datei hier.

Hitler‘s Weltsicht und seine Vorstellungen von Bildung und Erziehung der Jugend im nationalsozialistischen Staat.

Der Bürger ist für den völkischen Staat da (und nicht der Staat für den Bürger).

Siehe die pdf-Datei hier.

Zitat aus der ersten Nachkriegsausgabe der Göttinger Universitäts-Zeitung vom Dezember 1945

Herausgegeben von Dozenten und Studenten der Universität mit Genehmigung der Militär-Regierung

"Die Erziehung zu kritisch vorurteilslosem Denken wird zum ersten unsere alte und neue Pflicht an unseren Studenten sein, die als neue Lehrergeneration diese Haltung weit ins Volk tragen sollen."

Aus: von Holst, Erich, Politik und Hochschule? Wissenschaft und Politik. Ein Gespräch zwischen zwei Unpolitischen, in: Göttinger Universitäts-Zeitung (Herausgegeben von Dozenten und Studenten der Universität mit Genehmigung der Militär-Regierung) Nr. 1 (Di., 11. Dezember 1945), S. 5. Hier zitiert aus dem Abdruck/Reprint in:: duzMAGAZIN (Gegründet 1945 als "Göttinger Universitätszeitung) , 61. Jg. (2005), Heft 12.
Adorno über Erziehung
"Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion."


Adorno (1955): Erziehung nach Auschwitz

"Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion. Da aber die Charaktere insgesamt, auch die, welche im späteren Leben die Untaten verübten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsychologie schon in der frühen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung verhindern will, auf die frühe Kindheit sich zu konzentrieren.

...

Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.

...

Ich gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsziele zu halten. Sie setzt allerdings ein Studium des Bewusstseins und Unbewusstseins der Bevölkerung dort voraus. Vor allem auch wird man sich zu beschäftigen haben mit dem Aufprall der modernen Massenmedien auf einen Bewusstseinsstand, der den des bürgerlichen Kulturliberalismus des 19.Jahrhunderts längst noch nicht erreicht hat.

...

Erziehung müsste Ernst machen mit einem Gedanken, der der Philosophie keineswegs fremd ist: dass man die Angst nicht verdrängen soll. Wenn Angst nicht verdrängt wird, wenn man sich gestattet, real so viel Angst zu haben, wie diese Realität Angst verdient, dann wird gerade dadurch doch manches von dem zerstörerischen Effekt der unbewussten und verschobenen Angst verschwinden."

Adorno, Theodor W., Erziehung nach Auschwitz | Erziehung nach Auschwitz komplett: http://schule.judentum.de/nationalsozialismus/adorno.htm

Literatur
       
      
Adorno, Theodor W.: Erziehung - wozu? Radiosendung aus dem Jahre 1955, in: Kadelbach, G. (Hrsg.) (1971): Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am Main (suhrkamp), S. 105-120.        
    
Erziehungsbegriff - eng oder weit
Siehe auch den Auszug aus Brezinka, Wolfgang (1971): Erziehung als Lebenshilfe.  Eine Einführung in die pädagogische Situation. (Die erste Ausgabe  erfolgte 1957 in Wien). 8. Aufl. Stuttgart: Ernst Klett Verlag.
Erziehung bei Freerk Huisken
Nationalerziehung: Früh wird gekrümmt, was ein guter deutscher Patriot werden soll   1. Demokratische Politiker legen großen Wert darauf, dass sich das Staatsvolk aus freien Stücken an seiner eigenen Beherrschung beteiligt - nur deswegen interessieren sie sich übrigens regelmäßig so sehr für die Wahlbeteiligung. Dazu ist sind die Bürger nur bereit, wenn sie irgendwie davon überzeugt sind, es in und mit dem Gemeinwesen, in dem sie nun einmal leben und arbeiten, letztlich doch ganz gut getroffen zu haben. Und nur dann glauben sie fest an den Schwindel, dass durch die Methode der Ermächtigung von Regierungen durch die Beherrschten Staats- und Volksinteressen irgendwie zur Deckung gelangen. Diese parteiliche Überzeugung gewinnen sie nicht aus einer objektiven Bilanz ihrer Lebenslage. Die fiele für die Mehrheit des hiesigen Staatsvolks doch recht ernüchternd aus und gäbe wenig Anlass, denjenigen vertrauensvoll die Stimme für die Fortsetzung ihrer Herrschaft zu erteilen, unter deren politischem Kommando das Geldverdienen ein lebenslanger und regelmäßig von Misserfolgen begleiteter Kampf um Arbeitsplätze ist. ...

Quelle am 3. November 2014: http://www.fhuisken.de/loseTexte.html
Andreas Gruschka zur Erziehung

"Erziehen heißt »Verstehen lehren«."

Gruschka, Andreas (2011): Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, 18840), S. 21.

"Erziehung wird sowohl von Praktikern als auch von den Konzeptentwicklern heute vor allem mit der Aufgabe der nachholenden Disziplinierung von Undisziplinierten in Zusammenhang gebracht. Entsprechend wird nach ihr paradoxerweise dort gerufen, wo Erziehung bereits gescheitert ist, weil Schüler nicht oder nicht richtig erzogen worden sind. Sie zielt nicht auf die Vermittlung des richtigen Verhaltens, sondern auf die kompensatorische Bekämpfung des bereits eingetretenen falschen abweichenden Verhaltens. Erziehung bekämpft in diesem Sinne den Verzogenen und der Erziehung sich Verweigernden."

A.a.O., S. 23.
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